Literarisches Programm
der 23. Reichelsheimer Märchen- und Sagentage

Literarisches Programm
der 23. Reichelsheimer Märchen- und Sagentage

Entsprechend dem diesjährigen Motto „Familienbande im Märchen“ befassen sich sowohl die Erzählungen als auch die wissenschaftlichen Vorträge mit unterschiedlichen Familienmitgliedern, ihren Charaktereigenschaften, ihren Wünschen und Absichten, ihren guten und schlechten Gefühlen, ihren Stärken und Schwächen und ihren Beziehungen untereinander. Dabei spielen wie im wirklichen Leben Liebe und Hass, Neid und Eifersucht, Heimtücke und Großmut eine große Rolle. 

Die „Lange Nacht der Märchen“ wird mit  dem Titel „Luduennik, die eine Tochter, die ihrem Gewissen folgte“ von Odile Néri-Kaiser eröffnet, einer Erzählerin mit sehr lebendiger Mimik und Gestik, die ausdrucksvoll und charmant Brücken zum europäischen Märchenfundus schlägt. Sie ist Französin, lebt schon lange in Deutschland und hat Auftritte in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Ihr Vortrag wird musikalisch von der Künstlerin Hélène Godefroy begleitet. Sie stammt ebenfalls aus Frankreich, lebt in Stuttgart und spielt als Mitglied in verschiedenen Kammerensembles, Sinfonieorchestern und der Stuttgarter Oper Cello und Viola da Gamba. Ihr Schwerpunkt ist Barockmusik. Außerdem leitet sie ein Seminar für Cellopädagogik an der Musikhochschule.

Die nächste Erzählerin, Angelika Schreurs, kommt aus Düsseldorf. Sie erhielt ihre Ausbildung zur Märchenerzählerin am Figurentheater Kolleg in Bochum und hat Weiterbildungen bei der Europäischen Märchengesellschaft absolviert. Märchen sind für sie gleichbedeutend mit Fantasiereisen in eine andere Welt.

Ihr Motto heißt „…und sie lebten glücklich“, was bedeutet, dass in ihren Geschichten die Wünsche der Beteiligten nach einem harmonischen Familienleben in Erfüllung gehen.

Nach einer kurzen Pause erzählt Heike Berg aus Brensbach „Von Vätern und Müttern“, die ja im Märchen jeweils sehr unterschiedliche Rollen ausfüllen. Die Reihenfolge ist der Erzählerin wichtig. Zu ihrem Repertoire gehören Märchen der Brüder Grimm wie „Allerleirauh“ oder „Die 7 Raben“, aber auch internationale Märchen. Heike Berg ist in der „Langen Nacht der Märchen“ erstmalig vertreten, war aber bei den Vorträgen sonntags schon dabei.

„Wege der Treue – vom Liebhaben und Durchhalten“ zeigt Michaele Scherenberg, vielen Zuhörern bekannt durch Funk und Fernsehen. Sie hat das Erzählen als ihren neuen Schwerpunkt entdeckt, ist Mitglied der  Europäischen Märchengesellschaft und begeistert ihr Publikum mit ihren temperamentvollen Vorträgen, bei denen auch die Gefühle und die leisen Töne nicht zu kurz kommen.

Musikalisch begleitet wird sie von Stephanie Bieber, einer Künstlerin mit Vorliebe für irische Musik. Sie spielt keltische Harfe und Querflöte und arbeitet auch als Instrumentalpädagogin. Die Verflechtung von Musik und Erzählung ist eine Besonderheit und ein stimmungsvoller Abschluss der Langen Nacht der Märchen.

Die Vortragsreihe am Samstag wird vom Wildweibchenpreisträger des Vorjahres, Herrn Prof. Dr. Hans-Jörg Uther eröffnet. Prof. Uther ist Träger des Europäischen Märchenpreises der Märchenstiftung Walter Kahn und des Brüder-Grimm-Preises der Philipps-Universität Marburg. Als Wissenschaftler befasst er sich vorwiegend mit der Erzähl- und Sprachforschung und der Volkskunde, hier vor allem mit der Bedeutung der Brüder Grimm und der  Märchenforschung. Durch zahlreiche Veröffentlichungen  und durch die Herausgeberschaft bedeutender wissenschaftlicher Werke wie der „Enzyklopädie des Märchens“ hat er sich internationales Ansehen erworben.

Sein Vortrag in diesem Jahr heißt „Von Narren und Weisen – alte Leute in  Volkserzählungen“. Das reizvolle Thema streift möglicherweise das Motto der Märchentage nur am  Rande, aber Prof. Uther ist am Sonntag mit einem Programmpunkt vertreten, in dem er direkt in die Materie einsteigt.

 Unter der Überschrift „Märchenhafte Mütter“ tut dies im zweiten Vortrag Prof. Wilhelm Solms. Er ist ebenfalls Wildweibchenpreisträger und hat in früheren Vorträgen sehr interessant und engagiert über Zigeunermärchen und auch über die Rolle von  Vätern und Stiefmüttern referiert. Dieses Mal will er sein Augenmerk auf leibliche Mütter und Pflegemütter richten. Dabei wird ein breites Spektrum von Charakteren und familiären Beziehungen sichtbar werden.

Das gilt auch für den nächsten Vortrag. Frau Dr. Barbara Gobrecht, die in diesem Jahr mit dem Wildweibchenpreis ausgezeichnet wird, spricht über „Märchenkinder“ und setzt damit den Blickwinkel auf der anderen Seite an.  Frau Dr. Gobrecht ist Vorstandsmitglied der Schweizer Märchengesellschaft und des wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Märchengesellschaft. Sie studierte an der FU Berlin Romanistik und Slawistik und widmete sich danach verstärkt der Märchenforschung. Sie war bereits 2011 und 2016 als Referentin in Reichelsheim mit interessanten und sehr lebendigen Beiträgen z. B. über Wünsche im Märchen.

Nach ihrem Vortrag stellt Frau Dr. Gobrecht sich und ihre Arbeiten vor.

Das Programm am Sonntag startet mit einem Workshop von Prof. Uther zum Thema „Die Kleinfamilie im Märchen“. Wie im letzten Jahr wird dieses Thema gemeinsam mit den Zuhörern auch anhand von Bildmaterial erarbeitet und wird sicherlich viel Anklang finden und interessante Ergebnisse liefern.

Nach einer kurzen Mittagspause erzählt Angelika Schreurs unter dem gleichen Titel wie bei der „Langen Nacht der Märchen“, nämlich „und sie lebten glücklich“, aber jetzt erzählt sie für Kinder, da der Sonntag besonders die Familien anspricht.

Michaele Scherenberg folgt mit „Märchen von Müttern“, wobei es spannend sein wird, wie sich ihr Repertoire und  ihre Darstellung mit der von Prof. Solms und Heike Berg unterscheidet oder ergänzt.

Die Erzählerin Birgit Reibel aus Frankfurt ist Schauspielerin, Sprecherin  und macht Erzähltheater für Kinder. Sie hat das Märchen „Ameleya  und der Rattenkönig“ mitgebracht.

Mariele Syllwasschy kommt aus der Brüder-Grimm-Stadt Steinau an der Straße, wo sie als Stadtführerin und Märchenerzählerin unterwegs ist. Sie erfreut das Reichelsheimer Publikum seit Jahren, dieses Mal mit der Geschichte „Wie drei Männlein im Walde einem Mädchen zu ihrem Glück verhelfen“. Sicher hat sie noch andere Märchen dabei, sie greift oft spontan auf ihren großen Fundus zurück.

Den Abschluss der Erzählreihe macht Claudia König. Ihr Programm heißt „Hinterm Ofen ganz klein und doch so stark“. Das ist ein Titel, der Mut macht und die positiven Kräfte der Märchen hervorhebt.

Bleibt noch hinzuweisen auf die vielen Kindertheateraufführungen an unterschiedlichen Orten, an die märchenhaften Aktivitäten der Vereine, der Kirchen, die vielen Erzähler auf dem Mittelaltermarkt, die Schulen und  andere Gruppen, die in das Programm eingebunden sind. 

Ein ganz besonderer und wunderschöner Schlusspunkt ist in diesem Jahr die Aufführung des Musicals GRIMM vom Kinder- und Jugendchor des evangelischen Michaelsgemeinde unter Leitung von Andrea Dippon-Meyer, das die wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf erzählt.

Ellen Schmid