Brunnen, Quellen und Bau von Wasserreservoirs

Die Reichelsheimer Wasserversorgung in den vergangenen Jahrhunderten

 

In der Gründungszeit von Reichelsheim gab es am Fuße des Kirchhügels eine Quelle, die Mergbrunnen (d. h. Marienbrunnen) genannt worden ist. Davor soll sich dort ein heidnisches Quellheiligtum befunden haben.

 

Auf dem Hügel darüber wurde dann die erste christliche Kapelle errichtet, später dann die Michaelskirche (erbaut 1491/1492), deren Schiff und Turm ab 1716 erweitert wurde. Die Quelle am Fuße der Kirche war die erste Wasserversorgung für den Reichelsheimer Siedlungskern. Der romanische Torbogen an der Treppenanlage, die von der Bismarckstraße hinauf zum Kirchhügel führt, war Bestandteil der Klosteranlage am Bergelchen, die wahrscheinlich im 13. Jahrhundert entstanden ist. Das Kloster hatte dann mit dem früheren Klosterbrunnen eine eigene Wasserversorgung.

Der KIosterbrunnen war etwa fünfzig Meter tief, im unteren Teil in den Fels gehauen und im oberen Teil mit Quadersteinen ausgemauert, der mit einem Ring aus Sandsteinen abschloss. Es war ein Ziehbrunnen, in den noch bis 1893 eine Pumpe das Wasser nach oben förderte. Mit dem Bau der Reichelsheimer Wasserleitung hatte der Brunnen ausgedient und wurde verfüllt.

 Wie Lehrer Moritz Repp in seinen Aufzeichnungen einer Befragung der Reichelsheimer Ältesten aus dem Jahre 1906 berichtete, hatte der Klosterbrunnen eine Röhrenverbindungen zum Brunnen auf dem Marktplatz. Dieser stand dort, wo heute wieder eine Linde steht. Beide Brunnen wurden durch Röhren gespeist, die bis zum Weiler Eberbach führten. Der Eberbacher Brunnen an der Ochsenweide befand sich an der linken Hangseite zwischen Straße und Wald.

 

Der Klosterbrunnen war auf dem ehemaligen Anwesen Welb, früher Bertsch, in der Bismarckstraße Nr. 39. Lehrer Repp, von 1905 bis 1924 an der Reichelsheimer Schule tätig, hat Anfang seiner Lehrertätigkeit Menschen der Nachbarschaft befragt. Der alte Brunnen am Rathaus, heute Regionalmuseum, bestand noch bis 1910, wurde dann verfüllt. Er soll über 500 Jahre alt gewesen sein und war schon beim Bau des Rathauses 1554 vorhanden.

 

Alle anderen Reichelsheimer Brunnen waren Laufbrunnen, die von Quellen gespeist wurden. Es gab sie an der Laudenauer Hohl (Laudenauer Straße), an der Mühlgasse, an der alten Eberbacher Straße (untere Rodensteiner Straße), an der Bismarckstraße und an der Seegasse (Reichenberger Straße/Beerfurther Straße), ebenso am unteren Steinbickel (Heidelberger Straße). Später (um 1840) wurde an der Ecke Alter Weg/Heidelberger Straße beim Ausbau der Provinzialstraße nach Fürth und Lindenfels von den Anwohnern ein Tiefbrunnen gebaut und davor eine Linde gepflanzt, die es heute noch gibt.

 

Wann die anderen Laufbrunnen entstanden sind, ist nicht bekannt. Erst ab 1820 gibt das Reichelsheimer Gemeindearchiv Auskunft über Reparaturen und Instandsetzungen, über Rückgänge der Quellschüttungen und andere Anfälligkeiten und Störungen, über Beschwerden der Anlieger und über den Aufwand der Gemeinde für den Unterhalt der Brunnen und deren Kosten. Darüber sind die Archivakten von 1820 bis 1895 reich gefüllt.

 

Im Jahre 1890 plante die Gemeinde die Fassung ihrer Quellen im Gemeindewald „Das Buch“ Richtung Laudenau und Klein-Gumpen sowie den Bau eines Wasserreservoirs am Partannenberg, oberhalb des Ortes am Laudenauer Weg. Der Bürgermeister fragte damals in Weinheim, Bensheim und Zwingenberg nach, wie viel ein Wasserwerk mit Quellfassungen sowie der Bau einer Wasserleitung in die Stadt oder den Ort kosten. Ihm wurden Beträge zwischen 25.000 und 40.000 Reichsmark genannt und die vorbereitenden Planungen zwischen 500 und 1.000 Mark beziffert. Ingenieur Gustav Hilger aus Frankfurt sah die Fassung der Quellen Nebelborn (Nebelbrunnen), Gänsewiesenquelle und den Brunnen an der Bickelhauptswiese vor.

 Den Bau eines Wasserbehälters am Partannenberg berechnete er mit rund 26.000 Mark. Er forderte ein Honorar für seine Planungsarbeiten von 850 Mark und der Bürgermeister handelte ihn auf 550 Reichsmark herunter. Daraufhin verzichtete Herr Hilger auf die Bauleitung und die Gemeinde beauftragte den Fachingenieur Müller aus Darmstadt mit diesen Arbeiten. Grundlage war ein Wassergutachten vom 05. Mai 1892.

Die Befragung der Reichelsheimer Ortsbürger (Haushaltsvorstände) ergab, dass sich 357 an dem Projekt beteiligen wollten. Sie erklärten sich in einer Liste bereit, für jährlich (!) zwischen 5 bis 15 Reichsmark Wasser abnehmen zu wollen. Im Deutschen Submissionsanzeiger vom 15. April 1893 schrieb die Gemeinde Reichelsheim den Bau der Quellfassungen, den Bau des Hochbehälters und den Bau der Wasserleitung in den Ort aus, die zunächst bis zum alten Rathaus gehen sollte. Die Firma Faas und Dyckerhoff aus Frankfurt erhielt den Auftrag für zusammen 29.568 Mark. Hinzu kamen die Kosten für die Lieferung von Standrohren und Hydranten von 1.149,50 Reichsmark. Für das Gelände des Hochbehälters waren 100 März zu zahlen, für die Planung 550 Mark und für die Bauleitung 500 Mark.

 

Die neuen Wasserleitungen wurden dann doch über den Marktplatz hinaus in die damaligen Straßen Laudenauer Straße, Schwestergasse, Mühlgasse, Hauptstraße (Bismarckstraße), Seegasse (Reichenberger Straße), in die Beerfurther Straße, die Darmstädter, die Heidelberger und in die Bahnhofstraße sowie die Bachgasse verlegt. Bei den Arbeiten hatten die Anwohner jeweils ein Teilstück für den Wasserleitungsbau zu graben oder jemand mit diesen Arbeiten zu beauftragen. So entstand 1893 zunächst ein Wasserleitungsnetz in Reichelsheim von über 5 Kilometern. Dieses Netz erweiterte sich ständig. Heute umfasst es rund 120 Kilometer.

 

Rund 30 Jahre später, also Anfang der Zwanziger Jahre, reichte die Kapazität des Wasserhochbehälters nicht mehr aus. Alleine die Reinheim-Reichelsheimer-Eisenbahn benötigte täglich 30 Kubikmeter Wasser für die Befüllung der Loks. Dies durfte dann ab 1920 nur noch nachts ab 02.00 Uhr geschehen, weil bis dahin das Wasserreservoir wieder gefüllt war. Reichelsheim hatte damals 2.300 Einwohner. Pro Einwohner rechnete man einen Verbrauch einschließlich des Gewerbes und für die Viehversorgung 100 Liter Wasser. Die notwendige Brandreserve von 50 Kubikmetern konnte schon lange nicht mehr eingehalten werden. Die Quellen lieferten zwar ausreichend Wasser, das aber nicht gespeichert werden konnte. Der Hochbehälter am Partannenberg musste dringend erweitert werden. Im Sommer unterlag die Quellschüttung Schwankungen. Oft gab es in Reichelsheim schon nachmittags kein Wasser mehr. In einem Gutachten vom 03. November 1927 stellte schließlich das Kulturbauamt Darmstadt fest, dass das Wasserreservoir um mindestens 100 Kubikmeter erweitert werden muss. Außerdem seien Entlüftungen für die Leitungen erforderlich. Die Kosten für den Erweiterungsbau des Hochbehälters wurden mit rund 10.000 Mark veranschlagt. Die Arbeiten sind dann im Jahr 1928 ausgeführt worden. Damals schütteten die Quellen im Gemeindewald Buch täglich 250 bis 300 Kubikmeter Wasser.

Schon im Jahre 1946 reichten sowohl die Quellschüttung als auch die Speicherkapazität nicht mehr aus. Durch die Zuzüge von Flüchtlingen, Vertriebenen und Menschen aus den ausgebombten Städten war die Einwohnerzahl von Reichelsheim auf über 3.000 Personen angewachsen. Ich kann mich als Kind noch daran erinnern, dass Anfang bis Mitte der Fünfziger Jahre schon nachmittags Wasser aus dem Heilebrünnchen an der oberen Heidelberger Straße geholt werden musste, weil die Wasserhähne nicht mehr liefen. Erst nachts hatten die Quellen wieder genügend Wasser in das Reservoir geschüttet und wir konnten wieder Wasser aus der Leitung bekommen.

 

Endlich wurden 1953 und 1954 drei Brunnen in der Stockwiese gebohrt und ein neues Verteilerhaus mit Pumpstation ist entstanden. Ab 1950 ist das Reichelsheimer Wassernetz zur Versorgung von Neubauten in der Jahn- und Scheffelstraße, ab 1960 in der Gartenstraße, Steinstraße, in der Sudetenstraße, im Eberbacher Weg, in der Bezenbach, der Guldenstraße, später dann An der Ruh und in der Pestalozzistraße, Am Sonnenberg sowie in den Neubaugebieten Am Langacker und am Sandbuckel erweitert worden. Im Jahre 1964 wurde die Firma Freudenberg erbaut, es folgten weitere Firmenneubauten und ab 1970 der Bau der Georg-August-Zinn-Schule.

 

All die Neuerschließungen und Erweiterungen des Wassernetzes erforderten dringend den Bau eines weiteren Hochbehälters, der 1964 und 1965 am oberen Krautweg entstand. Dabei mussten riesige Felsen des ehemaligen Großen Steines gesprengt und entfernt werden. Der Große Stein, mehrere Stockwerke hoch, war 1899 abgebrochen worden. Er lieferte einige hundert Kubikmeter Steine für eine neue Einfassungsmauer des Reichelsheimer Friedhofs und für den Bau des Amtsgerichts.

 Der neue Hochbehälter hat ein Fassungsvermögen von 600 Kubikmeter. Nun war zwar genügend Speicherungsvolumen vorhanden, aber die Wasserschüttung der Quellen reichte nicht mehr aus. Die Gemeinde ließ Anfang der siebziger Jahre im Gumpener Tal sechs weitere Tiefbrunnen bohren und Anfang der neunziger Jahre sind weitere drei Brunnen in der Stockwiese hinzu gekommen. Aus diesen wird mit Nachtstrom über Pumpwerke Wasser in die Hochbehälter geliefert.

 

Viele weitere Bebauungen folgten in den Siebzigern, in den Achtziger und in den Neunziger Jahren, sowohl in der Kerngemeinde als auch in der Ortsteilen. Das Neubaugebiet zwischen Beerfurther Straße und Hofweg entstand, während heute fast nur noch Lückenbebauung stattfindet.

 

Die Gemeinde brachte nach der kommunalen Gebietsreform die Wasserwerke aller Ortsteile auf den neuesten Stand und von 1995 bis 2003 wiederum wurden Leitungen erneuert, erweitert und alle Hochbehälter saniert. Endlich war im Jahre 2003 das gesamte Wassernetz der Gemeinde Reichelsheim verbunden, alle Quellen, Brunnen, Hochbehälter und Pumpstationen mit einer modernen Fernüberwachungs- und Steuerungsanlage ausgestattet. Diese kann vom Wassermeister vom Bauhof überwacht und gesteuert werden. Die Wasserverluste, die früher über 30 % betrugen, konnten innerhalb von zehn Jahren auf unter 10 % reduziert werden. In der 30-jährigen Amtszeit von Bürgermeister Helmut Born wurden über 25 Millionen Deutsche Mark in die Wasserversorgungsanlage investiert und in der Amtszeit von Bürgermeister Gerd Lode sind mehr als 15 Millionen Euro für die Erweiterung, die Erneuerung und Modernisierung des Wassernetzes und der Versorgungsanlagen ausgegeben worden. Mit mehreren Millionen Euro aus der Grundwasserabgabe konnte die Gemeinde Reichelsheim doppelt so viel Geld bekommen wie sie und die Bürger in diesen Topf eingezahlt haben. So ist im Gebiet der Gemeinde mit acht Brunnen, über zwanzig Quellen, zehn Hochbehältern, mehreren Pumpwerken und Steuerungsanlagen sowie einem dreistelligen Rohrleitungsnetz, eines der modernsten Wasserversorgungssysteme in Südhessen entstanden, das es ständig zu modernisieren und Instand zusetzen gilt.

 Die Kerngemeinde Reichelsheim hatte bereits ab dem Jahre 1893 eine funktionierende Wasserversorgung mit Quellen, einem Hochbehälter, mit Wasserleitungen und Hausanschlüssen. Erst ab dem Jahre 1905 bis 1910 entstanden in den Reichelsheimer Ortsteilen zentrale Wasserversorgungen. Bis dahin hat man sich meist aus hofeigenen Quellen versorgt. Im Jahre 1904 gelangten durch starke Niederschläge Keime in die Brunnen und Quellen zahlreicher Orte im Odenwald, die noch keine zentrale Wasserversorgung hatten. Die Kerngemeinde Reichelsheim blieb davon verschont. Zahlreiche Kinder starben durch diese starke Verunreinigung des Trinkwassers durch ausgebrachten Mist und Gülle auf den Wiesen und Felder, auch im Reichelsheimer Gebiet. Als Konsequenz fassten auch die Reichelsheimer Ortsteile und andere Orte im Odenwald ihre Waldquellen und bauten Wasserreservoire und Wasserleitungen. Die meisten Wasserversorgungsleitungen sind daher zwischen 1905 und 1910 entstanden.

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