Prof. Wilhelm Solms

Prof. Wilhelm Solms

Die Jury der Reichelsheimer Märchen- und Sagentage kürte ihren 16. Wildweibchenpreisträger. Diese Ehre wurde Prof. Wilhelm Solms aus Marburg zuteil, geboren 1937 in Lich/Hessen. Er war Professor für Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg und befindet sich im Ruhestand. Die acht Juroren trafen ihre Entscheidung einstimmig, weil Prof. Solms sich als Wissenschaftler und langjähriger Vizepräsident der Europäischen Märchengesellschaft einen internationalen Ruf erworben hat. 

 

Solms hat zahlreiche Märchentagungen geleitet und viele international anerkannte Beiträge zur germanistischen Märchenforschung veröffentlicht. Zwei seiner Veröffentlichungen befassen sich inhaltlich mit den Themen der diesjährigen sechzehnten Reichelsheimer Märchen- und Sagentage. Die Werke erschienen unter dem Titel "Tiere und Tiergestaltige im Märchen" und "Phantastische Welten". Die Preisverleihung findet im Rahmen eines Märchenfestabends während der Märchen- und Sagentage statt, die in Reichelsheim vom 28. bis 30. Oktober 2011 unter dem Motto „Böser Wolf und rote Rosen – Tiere und Pflanzen im Märchen“ gefeiert werden.

 

Als Prof. Wilhelm Solms von seiner Auszeichnung durch den Reichelsheimer Bürgermeister Stefan Lopinsky erfuhr, war er zunächst völlig überrascht und reagierte mit den Worten: „Als Philologe halte ich mich an die „Oberfläche“, den Wortlaut und spekuliere nicht darüber, was dahinterstehen würde. Deshalb werden meine Kommentare von psychologisch oder pädagogisch orientierten Märchenforschern für oberflächlich gehalten. Dabei versuche ich bei der Bestimmung der Lehre, die sich aus dem Verlauf der Handlung ergibt, bei der Unterscheidung der Märchengenres u. a. an den Brüder Grimm und an die Standardwerke von Lüthi und Röhrich aus dem fünfziger Jahren anzuknüpfen. Nachdem ich im Internet die Namen der bisherigen Preisträger gelesen hatte, fühlte ich mich in dieser Gesellschaft wohl und durch die Auszeichnung hoch geehrt.“

 

Ellen Schmid vom Organisationsteam und Jurymitglied stellte dem neuen Preisträger eine Frage, die sie als Buchhändlerin bewegte: „Herr Professor Solms, Märchen nehmen in Ihrem umfangreichen Werk einen großen und wichtigen Raum ein. Sie haben sich mit Märchen der Brüder Grimm, mit Blumen- und Tiermärchen und mit Zigeunermärchen beschäftigt. Gibt es eine Gruppe von Märchen, die Ihnen besonders am Herzen liegt oder gibt es Gemeinsamkeiten und ähnliche Elemente zwischen den einzelnen Gruppen?“

 

Prof. Wilhelm Solms antworte tiefgründig. „Mit Blumenmärchen habe ich mich noch nicht befasst, umso mehr freue ich mich auf die betreffenden Vorträge. Unter den mitunter problematischen Märchen von Clemens Brentano gefällt mir „Das Märchen vom Myrtenfräulein“. Brentano findet selbst für offensichtliche Wunder wie die Verwandlung der Myrte in ein zartes Mädchen eine Begründung: Die „Bewohnerin“ der Myrte nimmt menschliche Gestalt an, denn ihr Dank für die Zuneigung des Prinzen „ist so gewachsen, dass er keinen Raum mehr in diesem Baume hatte“. 

 

Als Forscher und Liebhaber der Märchen faszinieren Solms besonders die Schwankmärchen. Dies, weil der Held nicht nur Größere und Stärkere besiege, wie der Held der Tierschwänke, sagt Solms, sondern sogar dämonische Wesen wie Teufel, Riesen oder Drachen nicht dank wunderbarer Hilfe besiegt würden, wie der Held oder die Heldin der Zaubermärchen, sondern durch Klugheit und Mut. 

 

Diese Art Märchen interessieren Prof. Wilhelm Solms auch deshalb, weil vom Erzähler ein Höchstmaß von Geist und Phantasie gefordert werde, damit die Überlistung des übermächtigen Gegners für die Zuhörer oder Leser plausibel sei, wie beim „tapferen Schneiderlein“. 

Text: Dieter Hörnlein / Ellen Schmid