Cornelia Funke

Cornelia Funke

Interview mit der Wildweibchen-Preisträgerin

Gern würd ich mal auf einem Drachen reiten

Frau Funke, was ist Ihnen denn spontan alles durch den Kopf gegangen, als Sie erfuhren, dass der im Rahmen der Reichelsheimer Märchen- und Sagentage verliehene Wildweibchenpreis in diesem Jahr an Sie geht?
Ich glaube, als erstes habe ich mich gefragt, wie der Preis zu seinem Namen gekommen ist. Von einem Wildweibchen hatte ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, noch nie gehört. Von weißen Frauen, von Muttergottheiten, von Irrlichtern ja, aber von Wildweibchen? Ich fürchte, ich bin in der englischen und irischen Mythologie besser bewandert, als in der deutschen. Wildweibchen? Ein interessanter Name. Als Geschichtenerzählerin spinnt man da sofort so manchen Faden. Obwohl... Weibchen. Als Weibchen möchte man sich ja nicht bezeichnet wissen. Aber Moment, bisher haben nur Männer diesen Preis bekommen. Ich bin also die erste Geschlechtsgenossin des Wildweibchens. Als nächstes lese ich das Material, das Sie mir zuschicken – und stelle fest, dass es darin von Themen, Büchern und Figuren wimmelt, die mich in den letzten Jahren beschäftigt haben. Außerdem zeigen mir die Publikationen, dass ich es bei den Reichelsheimer Märchentagen nicht mit Volkstümelnden zu tun habe, sondern mit einer Spurensuche, die hierzulande, wie ich finde, oft schwerer fällt als in Ländern wie England, wo die Geschichte überall noch so präsent ist. Lange Rede kurzer Sinn: ich habe mich sehr über den Wildweibchenpreis gefreut! Und habe mir gedacht – sieh da, man hört aus den Geschichten heraus, was du hineingepackt hast.

Über die bisherigen Preisträger Willi Fährmann, Hans-Christian Kirsch, Otfried Preußler und Michail Krausnick, allesamt auch ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, weiß die literaturinteressierte Öffentlichkeit sehr viel, bis nahezu fast alles. Was aber sollte, müsste sie über Cornelia Funke wissen?
Das mit der Selbstbeschreibung ist so eine Sache. Am liebsten würde ich es meinen Geschichten überlassen, mich zu beschreiben. In etlichen Gestalten ist ein Stück von mir zu entdecken. Und seine Weltsicht kann auch der geschickteste Geschichtenerzähler nichts vor seinen Lesern verbergen. Ich versuche Geschichten so zu erzählen, dass sie nahezu ohne Altersbeschränkungen – nach oben und unten – funktionieren (schließlich sollen die Eltern beim Vorlesen auch ihren Spaß haben), dass sie selbst militante Nichtleser dazu verführen, an den Seiten kleben zu bleiben. Die Sprache soll sich beim Vorlesen so entfalten, dass die Geschichte gerade auch in gesprochener Form ihren Zauber entfaltet.

In einem mir vorliegenden Interview mit Ihnen ist bei Ihren Antworten an gleich sechs Stellen vermerkt: „lacht“. Sie scheinen demzufolge ein sehr lustiger, lebensbejahender Mensch zu sein. Aus was allem schöpfen Sie für sich und Ihre Arbeit denn die meiste Kraft?
Das Leben hat es mir bisher nicht besonders schwer gemacht, lebensbejahend zu sein (das ist sicherlich ein Privileg). Ja, lachen tue ich wohl wirklich viel (und gern). Ich glaube, ich bin noch ein ziemlicher Kindskopf, und sollte es mir je passieren, dass ich doch noch zu erwachsen werde (was ja immer damit anfängt, dass man sich selbst viel zu ernst nimmt), werden meine zwei Kinder mich hoffentlich kurieren – oder mein immer noch sehr gern Witze reißender Vater. Ansonsten hebt es meine Stimmung auch an trüben Tagen, wenn ich über matschige Wiesen zu meinen Pferden stapfe, mich in meinem Haus mit so viel Pflanzen umgebe, dass es aussieht wie im Urwald, meiner Filmleidenschaft nachgehe oder, oder, oder... Woher im übrigen Kraft und Inspiration für meine Arbeit und mich selbst kommen, ist ein Rätsel, das ich anstaune und nicht versuche zu ergründen.

Sie wenden sich mit Ihren Büchern an junge Menschen, nicht an Erwachsene. Warum eigentlich diese Einschränkung, Spezialisierung?
Wenn diese Frage mir in Lesungen gestellt wird, antworte ich, dass ich Erwachsenen natürlich nicht verbiete, meine Bücher zu lesen. Ich selbst schreibe die Geschichten, die ich schreiben möchte (oder die sich eins meiner Kinder wünscht) und habe dabei keine spezielle Altersgruppe im Kopf. Im Moment steht es so, dass ich nichts schreiben möchte, was nicht auch ein Kind lesen kann. Denn ich glaube, dass sie mir (falls ich entscheiden müsste, was ich zum Glück nicht muss) doch die liebsten Leser sind.

Was fehlt, Ihrer Meinung nach, jungen Menschen in dieser Gesellschaft am meisten?
Ich habe vor kurzem in einer Zeitung gelesen, dass es den Kindern (zumindest im wohlhabenderen Teil der Erde) vermutlich noch nie besser gegangen ist und dass noch nie weniger geschlagen und gehungert wurde. Vermutlich ist das so. Ich glaube nicht an eine gute alte Zeit. Ich glaube, dass die Welt noch nie menschen- oder kinderfreundlicher gewesen ist – auch wenn wir uns das zu gern vorstellen. Trotzdem: unsere Welt ist zu schnell für Kinder, zu verbaut und durchgeplant und entweder fehlt es ihnen ganz an der Gesellschaft der immer beschäftigten Erwachsenen oder die Eltern übertreiben es mit der Aufsicht und Kontrolle, bis den Kindern kein erwachsenenfreier Moment mehr bleibt. Kurz und gut: ich finde, die Erwachsenen in diesem Land könnten viel, viel besser, respektvoller und freundlicher mit den wenigen Kindern umgehen, die da sind.

Schriftsteller sind, wenn sie sich nicht der reinen Unterhaltung verschrieben haben, im Grunde hilf-, machtlose Wesen. Auch wenn sie auf die Kraft des Wortes vertrauen mögen, verändern können sie kaum etwas. Welche Möglichkeiten, gesellschaftspolitische Prozesse zu beeinflussen, sehen und nutzen Sie denn?
Ich bin zu meinem Beruf aus Leidenschaft fürs Erzählen gekommen – nicht um etwas zu bewirken. Dazu bin ich Mitglied in mehreren Organisationen (amnesty international, für die ich früher auch aktiv gearbeitet habe, terres des hommes, Kinderschutzbund, einigen Naturschutzorganisationen). Da meine Zeit mir im Moment kein aktives Engagement erlaubt, versuche ich, mit Geld zu helfen, denn ich weiß nur zu gut aus der Zeit, als ich bei amnesty international die Spendendose schwang, wie wichtig die finanziellen Mittel sind, wenn es um die Verbesserung der Welt geht. Ohne Geld – auch wenn wir darüber gern die Nase rümpfen – geht gar nichts.

Was wäre für Sie als Mensch und Autorin das größte Unglück?

Wenn meinen Kindern oder meinem Mann etwas zustoßen würde. Jedes berufliche „Unglück“ ist dagegen lächerlich.

Und was die größte Freude?

Darauf gibt es zu viele Antworten. Ganz persönliche: dass es meiner Familie weiter so gut geht, berufliche: dass mir noch eine, noch bessere Geschichte gelingt oder weltumspannende: wie, dass meine Landsleute es endlich als Glück begreifen, wenn Deutschland etwas multikultureller wird.

Im Reich der Fantasie – und welcher Autor bewegt sich dort nicht ab und an gerne? – sind die berühmten drei Wünsche nichts besonderes. Dennoch: Wenn Sie davon welche frei hätten, wie würden diese lauten?
Wenn es auch ein paar ganz verrückte, unvernünftige Wünsche sein dürften, dann würde ich 1. gerne auf einem Drachen fliegen, 2. einmal unsichtbar sein und 3. mir wünschen, dass mir die Geschichten erst in dem Moment ausgehen, in dem ich tot umfalle (was vielleicht der unwahrscheinlichste Wunsch ist).

Sie sind, so ist über Ihren Verlag zu erfahren, „eine begeisterte Vorleserin“. Beschreiben Sie doch bitte einmal, was in Ihnen vorgeht, wenn Sie zu einer Lesung anreisen, den Saal betreten, zum Pult gehen, das Publikum wahrnehmen usw.
Was für eine schwierige Frage. Kribbeln auf der Haut, Herzschlag etwas schneller, Vorfreude, die Zunge freut sich auf viele schmackhafte Worte. Schnell noch einen Schluck Wasser. Wer ist da? Ich sehe mir die Gesichter an. Viele kleine Kinder? Viele ältere? Mehr Mädchen als Jungen? Welche Geschichte ist heute die richtige? Wie viele echte Zuhörer, Geschichtensüchtige verbergen sich hinter den Gesichtern? Wird die alte Magie heute wieder funktionieren, werde ich sie in die Geschichte locken können, tief hinein. Ungefähr so murmelt es in meinem Kopf, bevor ich zu lesen anfange. Und jedes Mal ist es etwas anders.

Unser Mitarbeiter W. Christian Schmitt sprach mit der Preisträgerin.