Menschengedränge zwischen Verkaufsständen

Geschichte der
Gemeinde Reichelsheim

Geschichte Gemeinde Reichelsheim

Geschichte der Gemeinde Reichelsheim


Reichelsheim verdankt seine Gründung und Entstehung als fränkische Siedlung der Lage und Beschaffenheit seines Kirchenhügels. Um diesen sicheren Siedlungskern gruppierten sich die ersten Häuser. Von waldbedeckten Bergen eingerahmt, mit Höhenlagen von 200 bis 560 Metern, eingebettet in das liebliche Tal von Mergbach und Gersprenz gehörte das Gemeindegebiet in den Wirkungsbereich der Schenken von Erbach.

 Ein Zweig dieses Herrschergeschlechts bewohnte die Burg auf dem Reichenberg oberhalb Reichelsheims. Der Marktflecken wurde am 13. Januar 1303 als „richelinsheim“ in einem Schiedsvertrag dieser Schenken erstmals urkundlich erwähnt.



Sie besaßen auch schon früh das Patronatsrecht über die evangelische Kirche (heute Michaelskirche) in der Dorfmitte. Der erste schriftliche Nachweis über das heutige Gotteshaus stammt aus dem Jahre 1493. Als Mittelpunkt der Zent Reichelsheim verfügte die Gemeinde ab 1554 über ein Zent- und Rathaus, in dem heute das Regionalmuseum Reichelsheim Odenwald untergebracht ist, und war Sitz des Zentgerichts. Auf dem heutigen Rathausplatz wurden bereits im 16. Jahrhundert Vieh- und Krammärkte abgehalten, die den Ort weit über die Verwaltungsgrenze bekannt machten. Zu ihrer Erinnerung und zum Gedenken an die große Wasserflut von 1732 im Odenwald wird seit 1949 das große Reichelsheimer Volksfest, der Michelsmarkt, gefeiert. Der 30-jährige Krieg, aber auch die Pestjahre, brachten den Bewohnern großes Leid durch Tod und Zerstörung. Mehrmals mussten die Bewohner vor plündernden Horden Schutz auf dem Reichenberg suchen, der allen Angriffen widerstand. Viele Häuser rund um das Zent- und Rathaus gingen in Flammen auf. Dabei verbrannten alle Urkunden aus früherer Zeit. Reichelsheim und die umliegenden Orte bildeten bis Anfang des 19. Jahrhunderts das Amt Reichenberg des Erbacher Grafenhauses. Das Gebiet kam 1806 zum Großherzogtum Hessen und Reichelsheim war Teil des Kreises Erbach. Von 1852 gehörte es dann zum Kreis Lindenfels, um im Rahmen der Kreisreform 1874 wieder zum Kreis Erbach zurückzukehren.

Ab 1744 bestand in Reichelsheim eine Turn- und Taxis'sche Poststation mit Postkutschenverbindung nach Heppenheim, Dieburg und Darmstadt. Die Reinheimer-Reichhelsheimer Eisenbahn sorgte von 1887 bis 1964 für eine Anbindung an die Außenwelt. Heute sind die Bundesstraßen 38 und 47 sowie Landes- und Kreisstraßen die Verkehrsadern. Busverbindungen gibt es nach Bensheim, Michelstadt, Erbach, Darmstadt, Reinheim und Weinheim. Schon im Jahr 1893 baute die Gemeinde für ihre Bewohner eine zentrale Wasserversorgungsanlage, die heute mit einem über 100 Kilometer langen Ringleitungsnetz alle Ortsteile und deren Wasserhochbehälter verbindet, wodurch Wasserengpässe nicht mehr aufkommen. Im selben Jahr entstand aus dem Georg-Albrecht-Teich am Fuß des Reichenbergs eine Badeanstalt, das heutige Freibad der Kerngemeinde. Von 1903 bis 1968 war Reichelsheim der Sitz eines Amtsgerichts, in dessen Mauern heute das Rathaus untergebracht ist.

Die Großgemeinde entstand aus der kommunalen Gebietsreform von 1970 bis 1972 durch Zusammenschluss Reichelsheims mit den 13 Orten Beerfurth, Bockenrod, Eberbach, Erzbach, Frohnhofen, Gersprenz, Gumpen, Klein-Gumpen, Laudenau, Ober-Kainsbach, Ober-Ostern, Rohrbach und Unter-Ostern. Sie ist kein künstliches Gebilde, sondern hat jahrhundertealte Vorläufer in der Zent Reichelsheim, im Amt Reichenberg sowie dem Reichelsheimer Kirchspiel.

Durch die Gemarkung Reichelsheim zieht die Grenze zwischen dem vorderen und dem hinteren Odenwald und damit gleichzeitig die Grenze zwischen dem kristallinen und dem Buntsandstein-Odenwald, in dem bereits im frühen Mittelalter Bergbau betrieben wurde. Überwiegend ist die Gemeinde dem Granitgebiet des Odenwaldes zuzuordnen. Hier ist die Landschaft stärker gegliedert. Die Gemeinde wird von den Ausläufern der Neunkirchner Höhe, von den Abhängen der Böllsteiner Höhe und dem Trommgebiet begrenzt. Lichte Mischwälder und grüne Hügel mit herrlicher Fernsicht haben die Großgemeinde schon immer zu einem Wander- und Erholungsgebiet gemacht, die seit 1994 und 2009 Partnerschaftsverträge mit Dol-de-Bretagne (Frankreich), Jablonka (Polen) und Nagymányok (Ungarn) geschlossen hat.

Text: Wolfgang Kalberlah (Archivar der Gemeinde Reichelsheim)